Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen
Die zunehmende Pluralisierung von Religion und Weltanschauung und die daraus resultierenden Konflikte mit „Neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“ sind auch eine Herausforderung für den Kinder- und Jugendschutz. Zwar betrifft die Problematik, anders als die früher übliche Rede von „Jugendreligionen“ und „Jugendsekten“ suggerierte, nicht ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene, nicht einmal überwiegend, dennoch können Jugendliche unter besonderen Bedingungen damit konfrontiert sein, und zwar in zweierlei Weise.
- Erstens können Jugendliche im Rahmen ihrer Persönlichkeitsentwicklung alternative Religionsangebote als Kontrast zu ihrer religiösen Sozialisation im Elternhaus "ausprobieren". Diese Suche nach einer religiösen Identität kann problemlos verlaufen. Vielfach führt sie zu keiner oder nur einer kurzfristigen Bindung an die neue Gruppe. Möglicherweise bietet die neue Weltanschauung sogar die Basis für eine auf Dauer angelegte Lebenspraxis.
Andererseits kann es zu einer problematischen Situation kommen, wenn rigide Verhaltensvorschriften der neuen Gemeinschaft die weitere individuelle Entwicklung des Jugendlichen behindern und wichtige Lebensentscheidungen unter dem Einfluss der Gruppe oder ihres Führers getroffen werden. Konflikte können auch entstehen, wenn die Mitgliedschaft in einer Gruppe zum Bruch mit dem bisherigen sozialen Umfeld führt, dieser vielleicht sogar von der Gruppe gefordert wird. - Die zweite Möglichkeit, wie Jugendliche mit „Neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“ in Berührung kommen, besteht darin, dass sie innerhalb einer solchen Gemeinschaft aufwachsen, weil ihre Eltern Mitglieder sind. Auch diese Situation muss nicht zwangsläufig problematisch sein. Nicht alle religiösen Gemeinschaften haben rigide Erziehungskonzepte, und wenn doch, werden sie nicht von allen Eltern konsequent umgesetzt. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen gibt es auch hier eine große Bandbreite tatsächlicher Verhaltensweisen. Andererseits kann sich das religiöse Engagement der Eltern allein dadurch negativ auf die Kinder auswirken, dass sie kaum Zeit für sie haben.
Als konfliktträchtig kann sich eine religiöse und weltanschauliche Gemeinschaft dann erweisen, wenn sie sich als Elite versteht und die Kontakte zur Außenwelt kontrolliert. Wenn Kinder z.B. durch das Verbot, Weihnachten, Geburtstage und andere Feste zu feiern, aus der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen ausgeschlossen werden und sich ihre sozialen Kontakte nur auf die eigene Gruppe beschränken, kann das negative Folgen für ihre Persönlichkeitsentwicklung haben. Höchstproblematisch wird es, wenn die Gemeinschaft körperliche Züchtigung (
Körperverletzung) als Erziehungsmittel fordert oder zumindest befürwortet. Gleiches gilt für eine Gruppe, in der Eltern ihre Kinder zu mehrstündigen Meditationsübungen anhalten oder sogar zwingen.
Wenn, wie in den letzten Beispielen, das Kindeswohl durch religiös begründete Praktiken akut gefährdet ist, dann ist Intervention durch die Jugendhilfe (
Jugendamt) gefragt. Ansonsten lassen sich Konfliktfälle nur durch geeignete Präventionsmaßnahmen vermeiden, durch die Jugendliche in ihrer Persönlichkeit gestärkt und ihnen Schlüsselkompetenzen (kognitive, soziale, u.a.) vermittelt werden. Sie müssen lernen, sich selbstbewusst und selbstbestimmt mit den Angeboten auf dem Religions- und Weltanschauungsmarkt auseinander zu setzen.
Bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. wurde ein Modellprojekt zur Prävention im Bereich "So genannte Sekten und Psychogruppen" durchgeführt. Ziel des Projektes war es, Beraterinnen und Berater in den psychosozialen Beratungsstellen (Ehe-, Lebens-, Familien-, Erziehungsberatungsstellen und andere Fachdienste) in diesem speziellen Themenbereich zu qualifizieren, so dass sie fachkundige Hilfestellung in Beratungsfällen leisten können. Weitere Informationen: www.ajs.nrw.de
Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Bausteine für Jugendarbeit und Schule zum Thema „ So genannte Sekten und Psychogruppen“, Düsseldorf, Köln 2000, Schutzgebühr 10 €
Weitere Informationen:
Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte bei der Arbeitsgemeinschaft
Kinder- und Jugendschutz NRW e.V. info@mail.ajs.nrw.de
Literaturhinweise:
- Biewald; Roland (2000): Okkultismus, Satanismus, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt
- Langel, Helmut (2000): Kulte und Sekten. Gefährliche Zeiterscheinung oder moderne Religionsvielfalt?, Augsburg: Olzog Verlag, S. 154-185
- Prokop, Otto/ Wimmer, Wolf (2006): Der moderne Okkultismus. Parapsychologie und Paramedizin, Paderborn: Voltmedia

